Therapierhythmus und -dauer

Wann und wie lange abgeklebt werden muss, lässt sich nicht pauschal beantworten. Die Antwort wird bei jedem Besuch Ihres Augenarztes oder Ihrer Orthoptistin am Ende der Untersuchung neu festgelegt. Es gibt jedoch zur Orientierung Faustregeln, die Sie auch kennen sollten. Im ersten Lebensjahr sollte bis zur Hälfte der Wachzeit abgeklebt werden. Längeres oder ununterbrochenes Abkleben kann zu einer Amblyopie des abgeklebten Auges führen.

Nach dem ersten Lebensjahr darf ein Auge der Erfahrung nach soviel Tage lang abgeklebt werden, wie das Kind an Jahren alt ist. Bei einem 3-jährigen Kind könnte man also 3 Tag lang das gute Auge abkleben und dann einen Tag lang beide Augen freilassen. Details sind aus der Tabelle ersichtlich.

Anhaltswerte zur Amblyopiebehandlung

(n = Alter des Kindes in Jahren)

  • Beiderseits normales Sehvermögen, beidseitig zentrale Fixation und wechselseitiges Schielen
    Keine Okklusionsbehandlung
    Kontrolle 3monatlich
  • Beidseits normales Sehvermögen, beidseitig zentrale Fixation und einseitiges Schielen
    Intermittierende Okklusion des Führungsauges, z.B. mit Mattfolie auf Brillenglas. Falls Gründe hiergegen sprechen alternativ Atropinisierung des Führungsauges als Penalisation (morgens 1 Tropfen Atropinol).
  • Einseitige Amblyopie, beidseitig zentrale Fixation
    • Normaler Visus für Einzeloptotypen, aber Visuseinschränkung für Reihenoptotypen:
      Intermittierende Okklusion mit Hautpflaster oder Mattfolie (wenigstens 2 Tage pro Woche oder wenigstens 4 h pro Tag). Bei Gegengründen Atropinisierung des Führungsauges.
    • Einzeloptotypenvisus unter 0,8
      Intermittierende Okklusion mit Hautpflaster (ggf. Mattfolie wenn Visus ³ 0,5)
      n Tage Okklusion des Führungsauges
      1 Tag keine Okklusion
  • Nichtzentrale Fixation
    Direkte ununterbrochene Pflasterokklusion über n Tage mit anschließender Kontrolle
    • wenn bei Kontrolle zentrale Fixation:
      weiter wie bei «Einseitige Amblyopie, beidseitig zentrale Fixation»
    • wenn bei Kontrolle noch nicht zentral, aber gebessert:
      erneute direkte Okklusion über 3mal n Tage mit anschließender Kontrolle
    • wenn Visus nicht angestiegen oder Fixation verschlechtert (bzw. temporal):
      inverse Okklusion, d.h. Pflasterokklusion des nicht führenden Auges über n Tage und anschließende Kontrolle
    • wenn bei Kontrolle gebessert:
      erneuter Versuch der direkten Okklusion
    • wenn bei Kontrolle nicht gebessert:
      nach erneuter inverser Okklusion ggf. stationäre Aufnahme, Schulung

Bei Kontrollen ist auf jeden Fall die direkte Okklusion zu unterbrechen, wenn der Visus des führenden Auges abgefallen ist.

In der Regel bevorzugen wir es, nach jedem Abklebeintervall beide Augen freizulassen.

Nur in schweren Fällen kann es sinnvoll sein, anschließend das amblyope Auge für einen kürzeren Zeitraum abzukleben, bis wieder das bessere Auge abgeklebt wird. Es gibt dann also gar keine Intervalle, in denen mit beiden Augen gleichzeitig geschaut wird. Mit diesem Vorgehen kann schneller eine bessere Sehschärfe des amblyopen Auges erreicht werden. Das ständige, wechselseitige Abkleben (streng alternierende Okklusion) birgt jedoch die Gefahr in sich, dass es später zu Doppelsichtigkeit kommen kann. Die Suppression schützt ja vor Doppelbildern. Es gibt erwachsene Patienten, bei denen aufgrund einer solchen streng alternierenden Behandlung im Kindesalter plötzlich irgendwann störende Doppelsichtigkeit auftreten ist, die nicht wieder verschwand. Ihr nur schwach ausgeprägter Suppressionsapparat versagte plötzlich den Dienst.

Die Rücksicht auf die sozialen Alltagsumstände erlaubt es oftmals nicht, ganze Tage abzukleben. Es kann dann sinnvoller sein, z.B. jeden Nachmittag abzukleben. In jedem Fall ideal zum Abkleben geeignet sind die TV- oder Computerspielzeiten der Kinder, weil die visuelle Wahrnehmung stark gefordert und sonstige Reaktionen weniger gefordert und somit auch nicht stark behindert sind.


© 2008 Dr. W. Happe

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