Okuläre (augenbedingte) Lesestörung

Es gibt bei der Legasthenie sowohl ophthalmologische Begleiterscheinungen (Refraktionsanomalie, Strabismus, etc.) als auch funktionelle Sehstörungen als Folge der schulischen Überforderung, die zusätzlich, aber nicht ursächlich bei der LRS auftreten. Es gibt aber auch augenbedingte Ursachen einer Lesestörung, die dann keine Legasthenie ist. Aus diesem Grund gehört eine kompetente augenärztlich Untersuchung bei jedem Kind mit Verdacht auf Legasthenie zum Pflichtprogramm. 

Diagnostik

Unserer eigenen Erfahrung nach führen am häufigsten Störungen der Akkommodation zu Leseproblemen. Heterophorien/Winkelfelhlsichtigkeiten gehen dagegen selten mit Leseproblemen einher, zumindest solange keine an die Akkommodation gebundenen Kompensationsmechanismen auftreten. Störungen der Akkommodation können leicht übersehen werden, da die kurzzeitige Messung der Akkommodationsfähigkeit ungeeignet ist, etwas über die Fähigkeit auszusagen, länger akkommodieren zu können. Als Suchtest hat sich das probatorische Vorhalten einer Nahkorrektion der Stärke +1,0 dpt bis +1,5 dpt bewährt. Im Gegensatz zu Patienten mit Akkommodationsproblemen geben gesunde Kinder hierbei fast immer an, ohne Nahaddition angenehmer bzw. besser lesen zu können.

Grundsätzlich sollte bei allen Lesestörungen versucht werden, schon kleine Refraktionsanomalien, falls die Kinder dies akzeptieren, durch Brillen zu korrigieren, um eine möglichst scharfe foveale Abbildung, also eine hohe Sehschärfe zu erhalten. Diesen Ausgleich auch geringer Refraktionsanomalien (selbst 0,5 dpt) - besonders bei Astigmatismus - hat sich bewährt.

Therapie

Bei Akkommodationsschwäche (Hypoakkommodation), aber auch bei Esophorien mit akkommodativer Komponente im Nahbereich sind Bifokal- oder Gleitsichtbrillen erforderlich. Wichtig ist ein großes Nahsegment, um auch große Blickbewegungen zu ermöglichen. Wenn tatsächlich Hypoakkommodation vorliegt, wird die Brille gern (für die Naharbeit) getragen. Es wird sogar versucht, das Nahteil bei Hochhalten des Textes zu benutzen. 

Prismenbrillen sind erforderlich bei Konvergenzschwäche und bei Exophorien, die über die akkommodative Konvergenz kompensiert werden. Falls erforderlich sind bei kleinen Brillengestellen Stärken bis zu 5 oder 7 Prismendioptrien (cm/m) je Glas möglich. Häufig berichten die Kinder mit Prismenbrillen, dass der Text jetzt größer sei und deutlicher gesehen werden könne.

 Selbstverständlich ist für alle Legastheniker die optimale Behandlung von Refraktions- und Motilitätsproblemen ein wichtiges Ziel. Die von einigen Autoren stark propagierte generelle orthoptische Behandlung der Legasthenie mit Okklusion oder Prismen ist aber nicht sinnvoll.

Kleine Hilfen

Sind augenbedingte Störungen ausgeschlossen oder korrigiert, können kleine Hilfen das Lesen und Schreiben erleichtern:
1.: Hilfreich sind möglichst gut gedruckte Arbeitsvorlagen mit kontastreichem Druck und großer Schrift.
2.: Das Lesen durch eine Schablone, die nur das zu lesende Wort freigibt, kann der besseren Konzentration auf das fixierte Wort dienen. Bewährt haben sich halbtransparente Folien, die den abgedeckten Text noch erkennbar lassen. Die Schablone kann leicht aus einer Farbfolie, die im Schreibwarenhandel erhältlich ist, erstellt werden.

Lesefolie

3: Zusätzliche Motivation kann das Lesen mit Lesestablupe bringen. Die Lupe vergrößert nicht nur, sie erleichtert gleichzeitig auch das Verbleiben in der Zeile. Das Schriftbild wird so abgebildet, dass eine Buchzeile in der Höhe gestreckt erscheint, während die Breite der Zeile unverändert bleibt. Das Modell 2606 der Fa. Eschenbach ist 12 cm lang und das Modell 2608 25 cm lang. Beide haben eine rote Führungslinie.

Lesestablupe

4.: Ein ergonomischer Arbeitsplatz mit guter Beleuchtung sollte selbstverständlich sein.



Leseprobleme bei speziellen Augenerkrankungen

Amblyopie

Die Anatomie der zentralen Netzhaut mit der höchsten Zapfendichte in der Fovea bedingt es, dass der Fixationsort möglichst genau gewählt werden muss, um eine hohe Auflösung kleiner Buchstaben zu ermöglichen. Es gibt jedoch noch einen zweiten Faktor, der die Wahrnehmung nahe des Fixationsorts einschränkt. Details eines Stimulus werden schwieriger erkennbar, wenn sie von anderem Material umgeben sind, z.B. Balken um einen Landolt-Ring. Diese laterale Interaktion, auch Kontureninteraktion genannt, findet wahrscheinlich auf Netzhautniveau und den niedrigen Ebenen des Sehsystems statt und nimmt bei größeren Exzentrizitäten zu.
Bevor eine neuronal verursachte Kontureninteraktion angenommen wird, müssen durch Ametropie ausgelöste optische Trennschwierigkeiten ausgeschlossen sein. Häufig kommt bei Amblyopen hinzu, dass eine Störung der relativen Lokalisation dazu führt, dass nebeneinanderstehende Sehzeichen durcheinander lokalisiert werden.


Laterale Interaktion. Erklärung s. Text. Nach Jacobs RJ (1979) Vision Research 19: 1187-1195


Nystagmus

Nystagmiker sind bei der Erfassung des visuellen Stimulus, d.h. des Textes, durch die unwillkürlichen Augenbewegungen beeinträchtigt. Ihre Leseleistung hängt entscheidend ab von den möglichen Foveationszeiten, der Verlangsamung der Bildbewegung auf der Retina während der langsamen Phasen und der Wiederholbarkeit der Foveation, bzw. der Metrie der Sakkaden.
Innerhalb einer Darbietungszeit eines Wortes von 50 msec ist es möglich die visuelle Information aufzunehmen. Die bei Normalpersonen typischerweise anzutreffende Fixationsdauer beträgt jedoch ca. 220 msec. Es wurde vermutet, daß es zu diesen zunächst unnötig lang erscheinenden Fixationsdauern durch Verzögerungen aufgrund sog. sakkadischer Suppression kommt. Durch diese wird die Sichtbarkeit eines Stimulus unmittelbar vor, während und 80-100 msec nach einer Sakkade supprimiert. Andererseits entspricht die Latenz der Sakkaden in etwa der Latenz für die kognitive Verarbeitung des Textes. Diese beträgt ebenfalls bei Normalpersonen um 175 msec. Da sakkadische Suppression bisher nur in Experimenten mit einer Stimulusdarbietungszeit an der Schwelle der Erkennbarkeit nachgewiesen wurde und nicht bei überschwelligen Buchstaben-Identifikations-Aufgaben, ist der Grund für die Latenz der Sakkaden wohl eher in der kognitiven Verarbeitungszeit zu sehen.


© 2008 Dr. W. Happe

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